Hiob

Predigt über HIOB am 14.11.04 in Aglasterhausen und Daudenzell

 

In der Bibel stehen „ferne“ und „nahe“ Geschichten; die heutige Geschichte vereint beides: zunächst wird ein Mensch beschrieben, dessen Lebensumstände auf den ersten Blick mit unseren nicht sehr viel zu tun haben …

 

Hiob 1,1-5: Hiob vor dem Fall

Im Lande Uz lebte ein Mann mit Namen Hiob. Dieser Mann war untadelig und rechtschaffen; er fürchtete Gott und mied das Böse. Sieben Söhne und drei Töchter wurden ihm geboren. Er besaß siebentausend Stück Kleinvieh, dreitausend Kamele, fünfhundert Joch Rinder und fünfhundert Esel, dazu zahlreiches Gesinde. An Ansehen übertraf dieser Mann alle Bewohner des Ostens. Reihum hielten seine Söhne ein Gastmahl, ein jeder an seinem Tag in seinem Haus. Dann schickten sie hin und luden auch ihre Schwestern ein, mit ihnen zu essen und zu trinken. Wenn die Tage des Gastmahls vorbei waren, schickte Hiob hin und entsühnte sie. Früh am Morgen stand er auf und brachte so viele Brandopfer dar, wie er Kinder hatte. Denn Hiob sagte: Vielleicht haben meine Kinder gesündigt und Gott gelästert in ihrem Herzen. So tat Hiob jedes Mal.

 

Und dann wird die „ferne“ Geschichte auf einmal eine „nahe“ Geschichte: denn was Hiob passiert, könnte - so oder so ähnlich – auch mir und dir täglich passieren …

 

Hiob 1,13-22: die Katastrophe

Nun geschah es eines Tages, dass seine Söhne und Töchter im Haus ihres erstgeborenen Bruders aßen und Wein tranken. Da kam ein Bote zu Hiob und meldete: Die Rinder waren beim Pflügen und die Esel weideten daneben. Da fielen Sabäer ein, nahmen sie weg und erschlugen die Knechte mit scharfem Schwert. Ich ganz allein bin entronnen, um es dir zu berichten. Noch ist dieser am Reden, da kommt schon ein anderer und sagt: Feuer Gottes fiel vom Himmel, schlug brennend ein in die Schafe und Knechte und verzehrte sie. Ich ganz allein bin entronnen, um es dir zu berichten. Noch ist dieser am Reden, da kommt schon ein anderer und sagt: Die Chaldäer stellten drei Rotten auf, fielen über die Kamele her, nahmen sie weg und erschlugen die Knechte mit scharfem Schwert. Ich ganz allein bin entronnen, um es dir zu berichten. Noch ist dieser am Reden, da kommt schon ein anderer und sagt: Deine Söhne und Töchter aßen und tranken Wein im Haus ihres erstgeborenen Bruders. Da kam ein gewaltiger Wind über die Wüste und packte das Haus an allen vier Ecken; es stürzte über die jungen Leute und sie starben. Ich ganz allein bin entronnen, um es dir zu berichten.

Nun stand Hiob auf, zerriss sein Gewand, schor sich das Haupt, fiel auf die Erde und betete an. Dann sagte er: Nackt kam ich hervor aus dem Schoß meiner Mutter; / nackt kehre ich dahin zurück. / Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen; / gelobt sei der Name des Herrn. Bei alldem sündigte Hiob nicht und äußerte nichts Ungehöriges gegen Gott.

 

Von einer Sekunde auf die andere stürzt das Lebenshaus des Hiob ein: Besitz und Nachkommen – die zwei Säulen seiner Existenz – brechen weg.

Viele kennen von Hiob nur den Satz, mit dem er auf die sprichwörtlich gewordenen Hiobsbotschaften reagiert: fromm, gottesfürchtig und ergeben in sein Los: Der HERR hat's gegeben, der HERR hat's genommen; der Name des HERRN sei gelobt! (1,21)

Aber die Talsohle ist noch nicht erreicht: nun geht es ihm selbst an den Kragen: er wird krank. Geschwüre treten auf und bedecken seinen Körper vom Scheitel bis zur Sohle.

 

Hiob 2,8-10: Ganz unten

Hiob setzte sich mitten in die Asche und nahm eine Scherbe, um sich damit zu schaben. Da sagte seine Frau zu ihm: Hältst du immer noch fest an deiner Frömmigkeit? Lästere Gott und stirb! Er aber sprach zu ihr: Wie eine Törin redet, so redest du. Nehmen wir das Gute an von Gott, sollen wir dann nicht auch das Böse annehmen? Bei all dem sündigte Hiob nicht mit seinen Lippen.

 

Hiobs Frau geht nur nach dem Augenschein. Wenn Gott zulässt, dass sein Knecht so tief fällt, dann gibt es entweder keinen Gott – diese Vorstellung war für damalige Verhältnisse undenkbar – oder Gott ist böse: dann hat er nichts Besseres verdient, als beschimpft zu werden und dann soll Hiob durch seinen Tod am besten allem Leiden entfliehen.

 

Aber in allem Unglück hat Hiob noch Glück: er hat Freunde.

 

Hiob 2,11-13: die Freunde kommen

Die drei Freunde Hiobs hörten von all dem Bösen, das über ihn gekommen war. Und sie kamen, jeder aus seiner Heimat: Elifas aus Teman, Bildad aus Schuach und Zofar aus Naama. Sie vereinbarten hinzugehen, um ihm ihre Teilnahme zu bezeigen und um ihn zu trösten. Als sie von fern aufblickten, erkannten sie ihn nicht; sie schrien auf und weinten. Jeder zerriss sein Gewand; sie streuten Asche über ihr Haupt gegen den Himmel. Sie saßen bei ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte; keiner sprach ein Wort zu ihm. Denn sie sahen, dass sein Schmerz sehr groß war.

 

Die Freunde warten darauf, dass Hiob zuerst spricht. Sie wollen wissen, wo er steht, in welchen Windungen sich seine Gedanken und Gefühle bewegen. Hiob soll sich mitteilen, dann wollen sie versuchen ihm zu helfen.

 

Hiob 3,1-3.11.12.20: Hiob klagt und fragt

Danach tat Hiob seinen Mund auf und verfluchte seinen Tag. Hiob ergriff das Wort und sprach: Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, / die Nacht, die sprach: Ein Mann ist empfangen. Warum starb ich nicht vom Mutterschoß weg, / kam ich aus dem Mutterleib und verschied nicht gleich? Weshalb nur kamen Knie mir entgegen, / wozu Brüste, dass ich daran trank? Warum schenkt er dem Elenden Licht / und Leben denen, die verbittert sind?

 

Warum? Weshalb? Wozu? Und immer wieder: warum? Warum ich?

Wäre Hiob Ihr Freund, hätten Sie gerade diese Worte gehört, was würden Sie antworten auf seine Frage nach dem „Warum“? Warum müssen manche Menschen solch unbeschreibliches Leid erleben?

 

Murmelpause

 

Bisher haben wir einen Teil vom Anfang der Hiobgeschichte noch nicht gehört. In diesem Anfang steckt ein Versuch, die Warum-Frage zu beantworten. Das Leid, das Hiob erlebt, hat etwas mit Gott zu tun und doch wieder nicht. Wir gehen noch einmal zurück an den Anfang.

 

Hiob 1,6-12: Himmlisch-teuflischer Dialog zwischen Gott und Satan

Nun geschah es eines Tages, da kamen die Gottessöhne, um vor den Herrn hinzutreten; unter ihnen kam auch der Satan. Der Herr sprach zum Satan: Woher kommst du? Der Satan antwortete dem Herrn und sprach: Die Erde habe ich durchstreift, hin und her. Der Herr sprach zum Satan: Hast du auf meinen Knecht Hiob geachtet? Seinesgleichen gibt es nicht auf der Erde, so untadelig und rechtschaffen, er fürchtet Gott und meidet das Böse. Der Satan antwortete dem Herrn und sagte: Geschieht es ohne Grund, dass Hiob Gott fürchtet? Bist du es nicht, der ihn, sein Haus und all das Seine ringsum beschützt? Das Tun seiner Hände hast du gesegnet; sein Besitz hat sich weit ausgebreitet im Land. Aber streck nur deine Hand gegen ihn aus und rühr an all das, was sein ist; wahrhaftig, er wird dir ins Angesicht fluchen. Der Herr sprach zum Satan: Gut, all sein Besitz ist in deiner Hand, nur gegen ihn selbst streck deine Hand nicht aus! Darauf ging der Satan weg vom Angesicht des Herrn.

 

Sind die Frommen vielleicht nicht ohne Grund fromm?. Bestimmt, sagt der Satan (hier gedacht als eine Art himmlischer Staatsanwalt, also Ankläger), ist Hiob nur deshalb fromm, weil es ihm so gut geht. Entzieht man ihm diese Basis, wird auch sein Glaube schnell schwinden.

Hat der Satan richtig beobachtet? Immerhin entdecken doch viele Menschen gerade in materiellen Notzeiten erst wieder, was sie am Glauben haben! Nach dem Krieg, erzählen die Alten, waren die Kirchen voll! Und doch ist etwas dran an seiner Vermutung, wenn man’s nicht nur das Materielle bezieht, sondern auf die ganze Lebenssituation: kommt die ins Rutschen, fangen Menschen an zu zweifeln, für die der Glaube bisher ganz selbstverständlich zu ihrem Leben dazu gehört hat.

 

Hiob indes erweist sich als standhaft. Der Verlust seiner Kinder und seines Besitzes bringt ihn nicht vom Glauben weg. Und als der Satan wieder vor Gott erscheint, ist der erste Teil der Wette an Gott gegangen. Doch der Satan legt noch einmal nach und erbittet das Recht, Hiob auch die Gesundheit zu nehmen. Was Gott ihm zugesteht.

 

Eben habe ich „Wette“ gesagt: ist das nun eine Wette zwischen Gott und Satan? Zwischen der guten Macht und der bösen Macht? Fast könnte es einem so scheinen, und dann sind wir schnell bei einer zynischen Betrachtungsweise: oben im Himmel schließt Gott Wetten auf die Standhaftigkeit seiner Erdenkinder ab?!

Ich möchte hier lieber einen anderen Begriff verwenden, mit dem die Menschen früherer Generationen ausgedrückt haben, was hier geschieht. Sie sprachen von „Prüfung“. Hiob wird geprüft. Er wird in eine Extremsituation geworfen, damit sich herausstellt, ob er sein Haus auf Fels oder auf Sand gebaut hat (Mt 7,24-27)

 

Die Prüfung – man könnte auch sagen: die Bewährungsprobe - aber führt geradewegs in die Anfechtung – auch das ein altes Wort: Da steckt das Wort „Fechten“ und „Gefecht“ drin, es weist hin auf einem Kampf. Es ist ein Kampf im Kopf und im Herzen zugleich: ein Kampf der Gedanken und Gefühle: Warum lässt Gott das zu, wenn er mich liebt? Liebt er mich nicht? Oder gibt es ihn am Ende gar nicht? Habe ich mir vielleicht alles nur eingebildet? Ist es wahr, was die atheistischen Denker sagen: der Mensch ersinnt sich seinen Gott, Gott ist eine Projektion unserer Wünsche und Sehnsüchte, ein Götze, ein Ausdruck unserer menschlichen Unvollkommenheit?

Mein ganzes Leben hängt an dieser Frage. Weichenstellungen. Prioritäten. Es hängt meine ganze Geschichte mit Gott dran. Soll das jetzt nicht mehr wahr sein? Nicht mehr gelten? Was, wenn ich einer gigantischen Täuschung aufgesessen bin? Einer Selbsttäuschung? Und jetzt, gerade jetzt, wo ich Gott am dringendsten brauche, stelle ich fest, dass es ihn vielleicht gar nicht gibt … und er geht mir verloren!?

Das ist wirklich ein Gefecht, das da stattfindet, liebe Gemeinde. Ein Kampf um Glauben oder Unglauben, um Hoffnung oder Verzweiflung, um Leben oder Tod.

Ein Kampf, den ich allein gar nicht gewinnen kann, außer es ist jemand da, der mir Mut macht. Der mich mit seinem Glauben trägt. Der mich einhakt und ein Stück Weg mitschleppt und sich immer wieder einlässt auf meine Zweifel, ohne sich von ihnen selbst hinunterziehen zu lassen.

 

Lied: Bleib mit deiner Gnade bei uns (EG 789.7)

 

Helfen wollen auch Hiobs Freunde, und als Hiob seine Klage beendet hat – sie ist viel länger als die paar Verse, die wir gehört haben, da endlich beginnt der erste zu reden.

 

Hiob 4,1-8: Die Ursache des Leids: Schuld

Da antwortete Elifas von Teman und sprach: Versucht man ein Wort an dich, ist es dir lästig? / Doch die Rede aufzuhalten, wer vermag es? Sieh, viele hast du unterwiesen / und erschlaffte Hände stark gemacht. Dem Strauchelnden halfen deine Worte auf, / wankenden Knien gabst du Halt. Nun kommt es über dich, da gibst du auf, / nun fasst es dich an, da bist du verstört. Ist deine Gottesfurcht nicht deine Zuversicht, / dein lauterer Lebensweg nicht deine Hoffnung? Bedenk doch! Wer geht ohne Schuld zugrunde? / Wo werden Redliche im Stich gelassen? Wohin ich schaue: Wer Unrecht pflügt, / wer Unheil sät, der erntet es auch.

 

Ein Satz, der so alt wie die Menschheit ist: kein Leid ohne Schuld zuvor. Oder, wie Schiller es in „Maria Stuart“ formuliert: „Alle Schuld rächt sich auf Erden.“

Ist Hiob zuvor schuldig geworden? Ist sein Unglück die Strafe Gottes für ein Fehlverhalten? Das Leid keine Bewährungsprobe, sondern die Folge von Sünde?

Es klingt nicht gerade nach Trost, was ihm da der Freund hinserviert. Aber es ist im Kern nicht böse gemeint: Er will ja helfen, will das Übel bei der Wurzel packen. Dieses Übel, der Herd allen Unglücks kann nach seiner Auffassung aber nur Schuld auf Hiobs Seite sein. Umsonst greift Gott einen gerechten Menschen nicht an. Weil Gott gerecht ist, kann der Mensch nur ungerecht, d.h. schuldig, sein.

Haben Sie auch schon einmal darüber nachgedacht, ob Sie schuld sein könnten, wenn Ihnen wirklich etwas Schlimmes passiert ist? „Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort“, sagen wir, große Sünden etwas später?

Wenn man die Bibel liest, wird man sagen müssen: es gibt Stellen, wo Gott die Schuld von Menschen straft. Immer und immer wieder straft Gott z.B. den Abfall der Israeliten zu anderen Göttern. Es gibt nach biblischer Auffassung Unglück als Strafe.

Aber es gibt keinen Automatismus, zu sagen: das Unglück, das du gerade erfährst, kann nur Strafe Gottes sein. Also prüfe dich: wo hast du Dreck am Stecken?

Wie mag das einen Menschen treffen, wenn ihm das jemand in einer solchen Situation vorhält? Möglicherweise stürzt es ihn noch weiter ins Dunkel. Oder er fängt nun an fieberhaft zu überlegen, was den Stein ins Rollen gebracht haben könnte.

 

Hiob hat all das schon längst hinter sich: Er hat sich selbst geprüft und kann keine Schuld an sich entdecken. Und er denkt nicht daran, sich auf die versteckten Anschuldigungen des Freundes einzulassen, ja mehr noch: er selbst will Gott vor Gericht ziehen und mit ihm einen Rechtsstreit anfangen, wer von beiden nun gerecht ist: er oder Gott. Denn Hiob hat sich nichts vorzuwerfen. Aber gegen Gott vor Gericht gehen? Es gibt keinen stärkeren Streitgegner.

 

Hiob 9,21-24.33: Gott vor Gericht

Schuldlos bin ich, doch achte ich nicht auf mich, / mein Leben werfe ich hin. Einerlei; so sag ich es denn: / Schuldlos wie schuldig bringt er um. Wenn die Geißel plötzlich tötet, / spottet er über der Schuldlosen Angst. Die Erde ist in Frevlerhand gegeben, / das Gesicht ihrer Richter deckt er zu. / Ist er es nicht, wer ist es dann?

Gäbe es doch einen Schiedsmann zwischen uns! / Er soll seine Hand auf uns beide legen.

 

Hiob sucht die Auseinandersetzung mit Gott. Er beschuldigt Gott und klagt ihn an. Es ist für Hiob die Zeit der Klage, auch der bitteren Anklage.

Das Hiobbuch ist eine einzige Erlaubnis zur Klage. Gott lenkt unser Leben, also ist er auch die erste Adresse, wenn etwas schief geht, wenn Katastrophen geschehen, wenn unser Leben aus den Fugen gerät.

Und was Hiob da loslässt, sind keine Sprüche frommer Ergebung, sondern schärfste Anschuldigungen. Das muss sich der Schöpfer des Himmels und der Erde schon gefallen lassen. Es kann kein Satz zu schlimm sein, um ihn Gott zu sagen. Und gerade darin behandelt Hiob Gott nicht als etwas Totes, sondern als lebendigen Gott: den er zwar nicht versteht, aber den er gerade deshalb angeht.

 

Hiob 16,11-14: Ist Gott böse?

Gott gibt mich dem Bösen preis, / in die Hand der Frevler stößt er mich. In Ruhe lebte ich, da hat er mich erschüttert, / mich im Nacken gepackt, mich zerschmettert, / mich als Zielscheibe für sich aufgestellt. Seine Pfeile umschwirren mich, / schonungslos durchbohrt er mir die Nieren, / schüttet meine Galle zur Erde. Bresche über Bresche bricht er mir, / stürmt wie ein Krieger gegen mich an.

 

Hiob spricht nicht vom Satan, sondern von Gott! Gott tut das! Gott als Feind des Menschen!

Wäre es nicht einfacher für Hiob, sein ganzes Leid dem Satan hinzuhängen? Mit einer bösen Macht zu rechnen, die gegen die gute Macht kämpft? Und manchmal siegt eben die böse Macht?

Aber Hiob bleibt dabei: alles, was ich erleide, kommt von Gott.

Es ist eine Konsequenz in diesem Gedanken, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt – denn: wenn ich mir vorstelle, dass alles Leid auf dieser Welt von Gott kommt, kann ich dann noch glauben? Wenn ich das nehme, was Menschen aneinander antun (z.B. in Kriegen oder in den Folterkerkern der Diktaturen), kann ich sagen: das alles kommt von Gott?!

Die Bibel ist an dieser Stelle nicht ganz so eindeutig wie Hiob selbst: immerhin ist Hiob dem Satan in die Hände gegeben: der darf mit ihm machen, was er will, außer ihn töten. Das Böse kommt also doch vom Bösen. Aber Gott hat seine Zustimmung gegeben. Gott lässt den Bösen gewähren, Gott lässt das Böse zu.

Weiter sind auch die Dogmatiker nicht gekommen, als zu sagen: Gott will das Böse nicht, aber er verhindert es (manchmal) auch nicht. Er lässt es zu.

Und ist dann eben doch verantwortlich zu machen und anzuklagen. So wie Hiob es tut.

 

Schließlich geben es sogar seine Freunde auf, ihn von seiner Schuld zu überzeugen (32,1). Hiob bleibt stur wie ein Esel.

 

Hiob 27,2-6: Ich bin im Recht!

So wahr Gott lebt, der mir mein Recht entzog, / der Allmächtige, der meine Seele quälte: Solange noch Atem in mir ist / und Gottes Hauch in meiner Nase, soll Unrecht nicht von meinen Lippen kommen, / noch meine Zunge Falsches reden. Fern sei es mir, euch Recht zu geben, / ich gebe, bis ich sterbe, meine Unschuld nicht preis. An meinem Rechtsein halt ich fest und lass es nicht; / mein Herz schilt keinen meiner Tage.

 

Hart und unversöhnlich sind die beiden Meinungen aufeinander geprallt. Jetzt haben sich Hiob und seine Freunde nichts mehr zu sagen. Die Verteidiger Gottes, die Freunde, sind verstummt. Verstummt ist auch der Ankläger, Hiob selbst.

Und was nun kommt, ist das Urteil in diesem Rechtsstreit zwischen Gott und Mensch – das Urteil, das allerdings wiederum Gott spricht – darin liegt ein Unterschied zum menschlichen Gericht.

Und Gott rechtfertigt sich und spricht Hiob direkt an:

 

Hiob 38,3b-7.16-21: Wie kann der Mensch Gottes Wege verstehen?

Ich will dich fragen, du belehre mich! Wo warst du, als ich die Erde gegründet? / Sag es denn, wenn du Bescheid weißt. Wer setzte ihre Maße? Du weißt es ja. / Wer hat die Messschnur über ihr gespannt? Wohin sind ihre Pfeiler eingesenkt? / Oder wer hat ihren Eckstein gelegt, als alle Morgensterne jauchzten, / als jubelten alle Gottessöhne?

Bist du zu den Quellen des Meeres gekommen, / hast du des Urgrunds Tiefe durchwandert? Haben dir sich die Tore des Todes geöffnet, / hast du der Finsternis Tore geschaut? Hast du der Erde Breiten überblickt? / Sag es, wenn du das alles weißt. Wo ist der Weg zur Wohnstatt des Lichts? / Die Finsternis, wo hat sie ihren Ort, dass du sie einführst in ihren Bereich, / die Pfade zu ihrem Haus sie führst? Du weißt es ja; du wurdest damals ja geboren / und deiner Tage Zahl ist groß.

 

Du bist Mensch, und ich bin Gott – du kannst meine Wege nicht durchschauen, weil du das Ganze nicht erfassen kannst – das ungefähr ist der Sinn der Gottesworte.

Gottes Handeln ist zu komplex, als dass es der Mensch begreifen könnte. Er versteht ja noch nicht einmal die Vorgänge in der Natur, wie soll er dann erst die geheimen Ursachen und Wirkungen im Lauf der Schicksale sehen, die millionen- und milliardenfach miteinander verknüpft sind auf dieser Erde?

 

Ich muss gestehen: als ich diese Gottesrede zum ersten Mal in meinem Leben las, war ich enttäuscht: ich hatte mir mehr erwartet, mehr Aufschluss, mehr Einblick und mehr Einsicht in das Handeln Gottes.

Aber das Hiobbuch betont an dieser Stelle klar den Unterschied zwischen Gott und Mensch: Du bist Mensch, bleibe auch Mensch und misch dich nicht in Gottes Geschäfte ein. Das ist für dich zu hoch.

Und Hiob akzeptiert die Antwort Gottes.

 

Hiob 42,1-6: Hiob lässt das Unbegreifliche stehen

Da antwortete Hiob dem Herrn und sprach: Ich hab erkannt, dass du alles vermagst; / kein Vorhaben ist dir verwehrt. Wer ist es, der ohne Einsicht den Rat verdunkelt? / So habe ich denn im Unverstand geredet über Dinge, / die zu wunderbar für mich und unbegreiflich sind. Hör doch, ich will nun reden, / ich will dich fragen, du belehre mich! Vom Hörensagen nur hatte ich von dir vernommen; / jetzt aber hat mein Auge dich geschaut. Darum widerrufe ich und atme auf, / in Staub und Asche.

Hiob akzeptiert, ja mehr noch: die Worte Gottes zeigen ihm Gott wieder in neuer Weise: als den großen, mächtigen und manchmal unbegreiflichen Gott, der doch in allem oft unbegreiflichen Tun sich den Menschen als Gegenüber geschaffen hat: als ungleiches Gegenüber, aber doch als Geschöpf, zu dem er in Beziehung tritt.

Aber nun hat dieses Gerichtsurteil noch einen zweiten Teil: nachdem sich Gott gerechtfertigt hat, wird auch Hiob gerechtfertigt – von Gott selbst gegenüber seinen Freunden, die gerade nicht Gottes Sache vertreten haben.

 

Hiob 42,7f: Gott rechtfertigt Hiob vor seinen Freunden

Als der Herr diese Worte zu Hiob gesprochen hatte, sagte der Herr zu Elifas von Teman: Mein Zorn ist entbrannt gegen dich und deine beiden Gefährten; denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob. So nehmt nun sieben Jungstiere und sieben Widder, geht hin zu meinem Knecht Hiob und bringt ein Brandopfer für euch dar! Mein Knecht Hiob aber soll für euch Fürbitte einlegen; nur auf ihn nehme ich Rücksicht, dass ich euch nichts Schlimmeres antue. Denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob.

 

So geht dieser merkwürdige Rechtsstreit zu Ende. Vom Satan ist übrigens nicht mehr die Rede, vielleicht hat er schon viel zuviel Gewicht bekommen in diesem Buch. Klar ist jedenfalls, dass seine Sache übel ausgegangen ist und Hiobs Sache gut.

 

Was bleibt nun nach 42 Kapiteln Hiob? Es ist ein langer Weg des Gesprächs, und vielleicht sind Hiobs Freunde ja auch nur Stimmen in Hiob selbst, mit denen er im Streit liegt und die ihn im Leid mürbe machen wollen.

Es ist ein langer Weg von der Klage zum Vertrauen in diesen 42 Kapiteln, und vielleicht gibt das am meisten zu denken: Der Weg vom erschütterten Vertrauen zum erneuerten Vertrauen führt nur über die Klage, und er braucht Zeit, viel Zeit. Zeit für die Gespräche der Seele mit sich selbst, Zeit für die Gespräche der Seele mit Gott, in denen Zorn und Verletzung, Enttäuschung und Rebellion ihr Recht haben. Bis sich in der verwundeten Seele langsam neue Worte des Vertrauens formen. Der Weg mit Gott kann weiter gehen.

Wir hören zum guten Schluss den guten Schluss: wie es mit Hiob weiterging.

 

Hiob 42,10-17: Alt und lebenssatt

Der Herr wendete das Geschick Hiobs, als er für seinen Nächsten Fürbitte einlegte; und der Herr mehrte den Besitz Hiobs auf das Doppelte. Da kamen zu ihm alle seine Brüder, alle seine Schwestern und alle seine früheren Bekannten und speisten mit ihm in seinem Haus. Sie bezeigten ihm ihr Mitleid und trösteten ihn wegen all des Unglücks, das der Herr über ihn gebracht hatte. Ein jeder schenkte ihm eine Kesita und einen goldenen Ring. Der Herr aber segnete die spätere Lebenszeit Hiobs mehr als seine frühere. Er besaß vierzehntausend Schafe, sechstausend Kamele, tausend Joch Rinder und tausend Esel. Auch bekam er sieben Söhne und drei Töchter. Die erste nannte er Jemima (Täubchen), die zweite Kezia (Zimtblüte) und die dritte Keren-Happuch (Schminkhörnchen). Man fand im ganzen Land keine schöneren Frauen als die Töchter Hiobs; ihr Vater gab ihnen Erbbesitz unter ihren Brüdern.

Hiob lebte danach noch hundertvierzig Jahre; er sah seine Kinder und Kindeskinder, vier Geschlechter. Dann starb Hiob, hochbetagt und satt an Lebenstagen.